Die Frage, die uns am häufigsten erreicht
Wer unsere Berichte liest, schreibt uns erstaunlich oft dasselbe: Woher wissen Sie, dass das, was die Fachperson sagt, stimmt? Die Frage ist berechtigt. Ein Gespräch mit einem Hydrologen oder einer Biologin ist keine Beweisführung, sondern eine fachliche Einordnung von Befunden, die wir zuvor aus Dokumenten gewonnen haben.
Ich bin Reto Wüthrich und führe viele dieser Gespräche selbst. In diesen Herbstwochen, wenn die Pegel sinken und viele Kantone ihre Messreihen des Sommers veröffentlichen, häufen sich die Anfragen. Darum beantworte ich hier der Reihe nach, was wir bei Expertengesprächen tun, was wir bewusst lassen und worauf Sie sich verlassen können.
Dabei gilt ein Grundsatz der Redaktion: Eine Expertenaussage ersetzt nie den Beleg. Sie hilft zu verstehen, was ein Messwert, eine Bewilligungsauflage oder ein Gutachten bedeutet, und sie zeigt, wo Fachleute unterschiedlicher Meinung sind. Der Beleg selbst bleibt das Dokument, auf das wir im Text verweisen.
- Gespräche ordnen Befunde ein, sie beweisen nichts allein
- Belege bleiben Dokumente mit Quellenangabe
- Meinungsunterschiede unter Fachleuten benennen wir
Wen wir fragen und wie wir die Auswahl treffen
Wir suchen Fachpersonen nach dem Gebiet, das der Fall berührt. Geht es um Grenzwertüberschreitungen in einem Bach, sprechen wir mit einem Hydrologen oder einer Gewässerökologin. Geht es um eine Baubewilligung in einem Schutzgebiet, braucht es Biologinnen für die Lebensräume und Juristen für das Raumplanungs- und Umweltrecht.
Bevor wir jemanden anfragen, klären wir, ob eine Verbindung zur kritisierten Stelle besteht: Auftragsarbeiten, Gutachten für die Firma, Beiräte oder frühere Anstellungen. Wir fragen das aktiv nach und halten bestehende Verbindungen im Beitrag fest, damit Sie als Leserin oder Leser selbst gewichten können.
Zudem suchen wir bewusst nicht nur eine Stimme. Bei strittigen Fragen holen wir mindestens zwei unabhängige Einschätzungen ein. Weichen sie voneinander ab, geben wir beide wieder und erklären, worauf der Unterschied beruht, etwa auf anderen Messmethoden oder einer anderen Auslegung der Vorschrift.
- Fachgebiet passt zum konkreten Fall
- Verbindungen zur kritisierten Stelle werden erfragt und genannt
- Bei Streitfragen mindestens zwei unabhängige Stimmen
Wie ein Gespräch vorbereitet wird
Kein Gespräch beginnt mit einem leeren Blatt. Vorab schicken wir der Fachperson die relevanten Unterlagen: Messberichte, Bewilligungen, Auszüge aus Gutachten. So muss sie nicht aus dem Gedächtnis urteilen, sondern kann sich auf dieselben Dokumente stützen wie wir.
Die Fragen schreiben wir vorher auf und trennen drei Arten: Verständnisfragen zu Fachbegriffen, Fragen zur Bewertung eines Befunds und Fragen zu dem, was die Fachperson nicht beurteilen kann. Die dritte Gruppe ist wichtig, denn sie schützt vor Aussagen, die über das Fachgebiet hinausgehen.
Meist dauert ein Gespräch zwischen einer halben und einer ganzen Stunde. Wir nehmen es mit Einverständnis auf, damit Zitate später wörtlich überprüft werden können. Bei Fachbegriffen lassen wir uns Beispiele geben, die wir im Text in einfacher Sprache wiedergeben.
- Unterlagen gehen vorab an die Fachperson
- Fragen nach Verständnis, Bewertung und Grenzen der Zuständigkeit
- Aufnahme nur mit Einverständnis
Was mit den Aussagen danach geschieht
Nach dem Gespräch schreiben wir nicht einfach ab. Jedes Zitat und jede sinngemässe Wiedergabe schicken wir der Fachperson zur Kontrolle auf Richtigkeit zu. Sie darf Fehler korrigieren und Fachbegriffe präzisieren. Eine inhaltliche Umschreibung ihrer Einschätzung oder eine Mitsprache bei der Gewichtung im Beitrag gibt es dagegen nicht.
Danach prüft Chefredaktorin Corinne Baumgartner den Text gegenüber den Belegen. Sie achtet darauf, dass keine Aussage mehr Gewicht erhält, als sie tragen kann, und dass Stellungnahmen der kritisierten Organisationen an der passenden Stelle stehen. Erst dann geht der Beitrag in die Veröffentlichung.
Falls später ein Fehler auffällt, korrigieren wir ihn offen und vermerken die Änderung beim Beitrag. Das gilt auch für Aussagen von Fachleuten, die sich im Nachhinein als missverständlich erweisen. Wir verändern nichts stillschweigend.
- Zitate gehen zur Richtigkeitskontrolle an die Fachperson
- Gegenprüfung durch die Chefredaktion
- Korrekturen werden sichtbar vermerkt
Was ein Expertengespräch nicht leisten kann
Eine häufige Erwartung lautet, ein Gespräch müsse klären, wer recht hat. Das kann es selten. Fachleute beurteilen Befunde, sie entscheiden keine Rechtsstreitigkeiten und sprechen keine Schuld aus. Wenn ein Jurist erklärt, eine Bewilligung wirke auf den ersten Blick rechtlich heikel, bleibt das eine Einordnung und kein Urteil.
Ebenso wenig ersetzt ein Gespräch eigene Messungen oder eine amtliche Prüfung. Wir nehmen Daten, die Behörden oder Labors erhoben haben, und lassen sie einordnen. Wo Daten fehlen, sagen wir das. Eine Fachperson, die ohne Grundlage Vermutungen äussert, zitieren wir nicht.
Und schliesslich sind Gespräche kein Gefälligkeitsgeschäft: Wir bezahlen keine Fachperson für ihre Aussage und versprechen keine Gegenleistung. Wer mit uns spricht, tut es aus fachlichem Interesse. Das erhält die Unabhängigkeit der Einschätzung und damit den Wert für Sie.
- Keine Schuldsprüche, nur fachliche Einordnung
- Kein Ersatz für amtliche Prüfungen
- Keine Bezahlung für Aussagen
Wie Sie die Gespräche für sich nutzen
Lesen Sie ein Expertengespräch am besten zusammen mit den verlinkten Unterlagen. Die Aussagen werden verständlicher, wenn Sie den Messbericht oder die Bewilligung daneben sehen, auf die sich die Fachperson bezieht. Genau dafür geben wir die Quellen an.
Achten Sie auch darauf, welche Frage die Fachperson beantwortet und welche nicht. Gute Gespräche zeigen Grenzen: Bis hierhin trägt der Befund, ab hier beginnt die Interpretation. Diese Trennung markieren wir im Text, damit Sie nicht Meinung für Messwert halten.
Haben Sie selbst fachliche Hinweise oder Zweifel an einer Einordnung, schreiben Sie uns über die Kontaktseite. Wir lesen jede Zuschrift und prüfen, ob eine Ergänzung oder Korrektur angebracht ist. Gerade Leserinnen und Leser aus Verwaltung, Schule und Forschung haben uns so schon auf Präzisierungen gebracht.
Expertengespräche sind bei uns Werkzeug der Einordnung, nicht der Beweisführung. Wir wählen Fachleute nach dem Fall, legen Verbindungen offen, lassen Zitate prüfen und trennen Befund von Interpretation. So können Sie nachvollziehen, worauf eine Aussage beruht, und selbst entscheiden, wie viel Gewicht sie verdient.