Recherchen Hinter den Kulissen

Wie ein Expertengespräch entsteht: Vorbereitung, Fragen, Prüfung

Markus Gysin

4 Minuten Lesezeit

Ein Blick hinter die Kulissen: Wie wir Hydrologen, Biologinnen und Juristen für Gespräche auswählen, vorbereiten und ihre Aussagen vor der Veröffentlichung gegen Dokumente prüfen.

Wie ein Expertengespräch entsteht: Vorbereitung, Fragen, Prüfung

Wer Messberichte, Bewilligungen oder Gutachten liest, sieht Zahlen und Formulierungen, aber nicht immer, was sie bedeuten. Ein Grenzwert kann knapp überschritten sein und trotzdem harmlos wirken, oder er liegt darunter und ist dennoch ein Warnzeichen. Genau hier setzen unsere Expertengespräche an. Ich bin Daten- und Grafikredaktor und arbeite täglich mit Messreihen. Ich kann prüfen, ob eine Kurve plausibel ist, aber ob ein Befund für ein Gewässer, eine Tierart oder ein Verfahren Folgen hat, beurteilen Fachleute besser als wir.

Deshalb legen wir die Befunde einer Recherche früh jemandem vor, der das Fachgebiet beruflich kennt. Das Gespräch ersetzt nicht die Dokumente, es stützt sich auf sie. Die Aussage einer Hydrologin gilt bei uns nur so viel, wie sie sich an Unterlagen festmachen lässt, die Leserinnen und Leser auf Wunsch nachvollziehen können. Das schützt vor Gefälligkeitsurteilen und vor vorschnellen Schlüssen.

Wie wir Gesprächspartner auswählen

Die Auswahl beginnt mit einer einfachen Frage: Wer kennt das Thema aus eigener Arbeit, ohne am Ausgang der Geschichte beteiligt zu sein? Bei einer Recherche zu Gewässerbelastung fragen wir eine Hydrologin, bei einem Bauprojekt in einem Schutzgebiet einen Biologen und eine Juristin für das Verfahrensrecht. Wir erkundigen uns offen nach Verbindungen zu den beteiligten Firmen, Ämtern oder Verbänden und halten sie fest.

Oft sprechen wir mit mehr Personen, als am Ende zu Wort kommen. Ein Vorgespräch zeigt, ob jemand die konkreten Unterlagen kennt oder nur allgemein antworten kann. Fachleute, die ausdrücklich sagen, wo ihre Zuständigkeit endet, sind uns lieber als solche, die zu allem eine Meinung haben. Wer nur Vermutungen äussern kann, wird in der Veröffentlichung auch als Vermutung gekennzeichnet oder gar nicht zitiert.

  • Fachliche Erfahrung mit dem konkreten Thema
  • Offenlegung möglicher Interessenbindungen
  • Bereitschaft, Grenzen der eigenen Aussage zu benennen

Die Vorbereitung am Schreibtisch

Bevor das Gespräch stattfindet, schicken wir den Gesprächspartnern die relevanten Auszüge: die betroffenen Seiten eines Gutachtens, die Messtabelle, die Zeitleiste der Ereignisse. Nicht alles, sondern das, was für ihre Einschätzung nötig ist. Ich bereite dazu meist eine knappe Übersicht vor, in der die Zahlen so dargestellt sind, wie sie im Original stehen, mit Seitenverweis.

Dazu formulieren wir offene Fragen und trennen sie von Fragen, die sich mit Ja oder Nein beantworten lassen. Eine Frage wie Ist das gefährlich? bringt wenig. Besser funktioniert: Welche Annahmen stecken in dieser Messung, und was würde sich ändern, wenn sie nicht stimmen? Wir notieren auch, welche Antwort uns überraschen würde, damit wir bei Widersprüchen sofort nachhaken.

Im Gespräch: zuhören, nachfragen, belegen

Die meisten Gespräche dauern zwischen vierzig und neunzig Minuten und werden mit Einverständnis aufgezeichnet. Wir lassen die Fachperson zuerst in ihren eigenen Worten schildern, wie sie die Unterlagen liest. Erst danach stellen wir die Fragen, die uns beschäftigen. Wenn eine Aussage zentral ist, fragen wir: Woran können wir das nachprüfen? Gibt es eine Studie, eine Norm, einen Gerichtsentscheid, auf den wir verweisen können?

Manchmal widerspricht eine Fachperson der ersten Lesart unserer Recherche. Das ist wertvoll. Wir nehmen den Einwand ernst, prüfen ihn an den Dokumenten und passen im Zweifel unsere Darstellung an. Eine Recherche, die nur bestätigt wird, wurde vermutlich zu wenig hart befragt.

  • Offene Fragen vor geschlossenen
  • Jede zentrale Aussage mit Quelle verknüpfen
  • Widerspruch festhalten und prüfen

Nach dem Gespräch: Prüfung und Freigabe von Zitaten

Aus der Aufzeichnung wird ein Transkript. Ich vergleiche jede Zahl, die im Gespräch genannt wurde, mit dem Originaldokument. Weicht sie ab, klären wir das schriftlich nach. Erst dann übernehmen wir sie in den Text. Chefredaktorin Corinne Baumgartner prüft anschliessend, ob die Einordnung durch die Fachperson tatsächlich trägt, was wir daraus ableiten, oder ob wir zu viel hineinlesen.

Die Fachperson sieht ihre wörtlichen Zitate vor der Veröffentlichung und kann Missverständnisse korrigieren, nicht aber den Inhalt nachträglich abschwächen oder unsere Schlussfolgerungen mitbestimmen. Wird eine Organisation in der Recherche kritisiert, erhält sie unabhängig davon Gelegenheit zur Stellungnahme. Das Expertenurteil ersetzt diese Anhörung nie.

Was Leserinnen und Leser davon haben

In den Premium-Berichten erscheinen die Gespräche als eigene Abschnitte, mit Namen, Fachgebiet und dem Hinweis, auf welche Dokumente sich die Aussage stützt. Wer nachlesen will, findet die Originalquellen verlinkt oder im Quellenverzeichnis aufgeführt. So lässt sich unterscheiden, was belegt ist, was eine fachliche Einschätzung bleibt und was offen ist.

Gerade im Herbst, wenn Gewässer und Laub zusätzliche Fragen aufwerfen und Bewilligungsverfahren wieder Fahrt aufnehmen, lohnt sich diese Trennung. Sie hilft Lehrpersonen, Fachleuten und Interessierten, eine Recherche einzuschätzen, statt sie nur zu glauben. Das ist der Anspruch hinter jedem Gespräch, das wir führen.

Ein Expertengespräch ist bei uns keine Dekoration für einen Text, sondern ein Prüfschritt. Es beginnt mit einer sorgfältigen Auswahl, stützt sich auf Dokumente, wird gegen Originalquellen abgeglichen und dem Urteil der Redaktion unterstellt. So bleibt nachvollziehbar, was Befund ist und was Einordnung, und Leserinnen und Leser können selbst beurteilen, wie belastbar eine Aussage ist.

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